Die kleine Elfe Firlefanz – Eine Gute-Nacht-Geschichte

Der Tag neigte sich dem Ende zu. Langsam begann die Sonne sich zu senken, wobei sie mit ihren letzten Strahlen noch einmal die Erde zu umarmen schien, ehe sie sich bis zum nächsten Tag verabschiedete.

Es war noch nicht völlig dunkel, als sich bereits die ersten Sterne und der Mond am Firmament zeigten und wie an jedem Abend, wenn der Tag zur Neige ging, trafen sich zahllose Elfen auf einer riesengroßen Wiese an dem entlegensten Winkel der Erde, versteckt hinter unzähligen Bäumen und hochaufragenden Felsen, damit sie von niemandem entdeckt werden konnten. So war auch nicht das leise Wispern und helle Lachen der kleinen, anmutigen Naturgeister zu hören, die sich allabendlich dort trafen, um bei Einbruch der Dunkelheit in jede nur denkbare Richtung auszuschwirren und den Menschenkindern die Träume zu bringen.

Sie waren ein lustiges, ausgelassenes und fröhliches Volk, welches stets, noch ehe es sich auf den Weg machte, eine gewisse Zeit mit Singen und Tanzen verbrachte, um die Freude und Heiterkeit, welche sie danach in sich trugen, mit samt den Träumen den Menschenkinder zu schenken.

Übermütig hatten sich die wunderschönen Geschöpfe auch heute an den Händen gefasst und tanzten ausgelassen auf der, wie sie sie nannten, Traumwiese herum. Schillernd funkelten hierbei ihre golddurchwobenen Gewänder und die hauchzarten Flügelchen erzeugten ein fast unhörbares Sirren, welches an einen großen Bienenschwarm erinnerte, je mehr Elfen sich auf der Wiese einfanden.

Die vielen kleinen Gestalten, die in ihre langen, seidigen Haare die Blüten der seltensten Blumen eingeflochten hatten, schienen aus dem Nichts aufzutauchen, ohne dass man hätte sagen können, woher sie kamen. In ihren Händen hielten sie kleine, dünne Stäbe, aus denen es glitzernde Sternchen regnete, wenn sie übermütig durch die Luft gezogen wurden und nichts machte den kleinen Elfen mehr Spaß, als Millionen von Glimmersternchen auf der Wiese zu verstreuen, sodass das saftige Grün funkelnd erstrahlte, gerade so, als wenn der liebe Gott ein riesiges Füllhorn mit Diamanten darüber ausgeschüttet hätte. Vor allem die Jungelfen, die erst ein paar hundert Jahre alt waren, kicherten ununterbrochen, während sie versuchten, sich gegenseitig mit dem hervorgebrachten Sternenregen zu übertrumpfen.

„Ich kann das schon viel besser als ihr“, rief die kleine Elfe Firlefanz, stellte sich auf einen Stein und fuchtelte wild mit ihrem Sternenstab umher.

„Quatsch! Von wegen ‚besser’! Nur weil du mit dem Oberelf verwandt bist, heißt das noch lange nicht, dass du immer alles besser kannst, als wir!“ Die um hundertsiebenunddreißig Jahre ältere Elfe Wunderlich runzelte ärgerlich die Stirn. Wenn sie etwas überhaupt nicht leiden konnte, dann waren es diese kleinen Traumelfen, die immer glaubten, alles besser zu wissen und besser zu können. Vor allem diese kleine Firlefanz konnte eine unwahrscheinliche Nervensäge sein.

„Ahhh …“ Ein Schrei riss sie aus ihren Überlegungen. Firlefanz hatte mit ihrem Stab weit ausgeholt und dabei das Gleichgewicht verloren. Jetzt lag sie strampelnd auf dem Rücken und jammerte herzerweichend.

„Meine Flügel … Ich glaube, meine Flügel sind gebrochen“, heulte sie extra laut, damit die älteren Elfen auch wirklich aufmerksam auf sie wurden.

Wunderlich, die im ersten Moment richtig erschrocken war, als sie Firlefanz am Boden liegen sah, kniff nun die Augen zusammen, schüttelte entschieden ihren Kopf und meinte ärgerlich: „Das ist doch nur wieder einer deiner Tricks, damit du heute Abend nicht mit uns die weite Strecke zu den Menschen fliegen musst … Nie hast du Lust dazu, Träume zu verteilen und wir können dann deine Arbeit noch zusätzlich erledigen! Das ist nicht fair! … Von wegen ‚Flügel gebrochen’ … Das ist ja zum Lachen!“

„Wunderlich, es reicht!“, tönte da der Oberelf streng und beugte sich zu der am Boden wimmernden, kleinen Elfe hinunter.

„Hast du Schmerzen, Firlefanz?“, fragte er sie sanft, während er ihre durchsichtigen Flügelchen eingehend untersuchte.

„Ja!“, behauptete Firlefanz, streckte der Elfe Wunderlich in einem unbemerkten Moment frech die Zunge heraus und verzog ihr Gesicht zu einem siegessicheren Lächeln. Sie war davon überzeugt, dass der Oberelf davon nichts mitbekommen hatte und sie bestimmt wieder nach Hause schicken würde, damit sie sich auskurieren könnte. In der Tat war es Firlefanz völlig unverständlich, was all die anderen jeden Tag aufs Neue so schön daran fanden, von der Traumwiese aus in die ganze Welt auszuschwärmen, um mit ihren Sternenstäben ein Menschenkind nach dem anderen auf der Stirn zu berühren, damit keines von ihnen eine traumlose Nacht verbringen musste. In den Sternchen, die dann auf die schlafenden Kinder hernieder regneten, waren lauter gute Träume verborgen, die ihnen so zugänglich gemacht wurden.

Oh, es machte den Elfen wirklich Spaß, den Kleinen die Träume zu überbringen. Ganz, ganz viel Liebe legten die Naturgeister in die Sternchen hinein, sodass die Kinder an jedem Morgen mit Glück und Freude im Herzen erwachen konnten.

‚Alles Quatsch – Quatsch – Quatsch’, dachte Firlefanz. ‚Sollen die sich ihre Träume doch selber machen, dann brauchen wir nicht jede Nacht aufs Neue los und können dafür spielen, tanzen, singen …’

„Nix gebrochen“, meinte eben der Oberelf und half Firlefanz auf die Beine. Natürlich wusste er ebenso wie Wunderlich, dass seine kleine Ur-Ur-Ur-Ur-Urenkelin sich wieder einmal vor dem Verteilen der Träume drücken wollte und er fragte sich, wie lange es wohl noch dauern würde, bis Firlefanz es verstand, wie wichtig es doch gerade für die Menschenkinder war, die Träume der Freude in ihre Herzen zu bringen, denn zu viel Nöte und Ängste hatten dazu geführt, dass ihnen in der Welt der Erwachsenen die Träume verloren gegangen waren. So hatten die Elfen den Auftrag bekommen, die Menschenkinder darin zu unterstützen, ihre Träume wiederzufinden und schwirrten nun jede Nacht unermüdlich über die gesamte Erde, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden.

„Also gut, Firlefanz“, entschied der Oberelf. „Ich bin mir sicher, dass deine Flügel ein wenig verstaucht sind, aber ich denke, es ist nicht so schlimm, als dass du nicht mit uns mitfliegen könntest.“

„Aber … aber …“, suchte die kleine Elfe verzweifelt nach einer Ausrede, doch der Oberelf wandte sich zur Seite und mahnte zum Aufbruch.

„Ihr Elfen“, rief er über die Wiese, „seid hurtig, bewegt eure Flügel,

lasst treiben vom Wind euch über die Hügel,

die Wiesen und Bäche, die Äcker und Felder,

lasst hinter euch auch die dunkelsten Wälder

und strebt hin zu den Kindern, die im Schlafe sich wiegen,

auf dass unsre Träume niemals versiegen …“

Wie auf ein unsichtbares Kommando hin, erhoben sich die geflügelten Naturwesen und begaben sich auf ihren Weg.

Die kleine Elfe Firlefanz flog unlustig neben ihren Altersgenossen her und brummelte ungehalten in ihren Bart.

„Träume … pah … und ausgerechnet für MENSCHEN, die sowieso an überhaupt nix glauben, weder an Träume noch an Elfen, noch an Gnome, noch an Kobolde, noch an …“

„Firlefanz, … du nervst! Du verdirbst mir meine gesamte gute Laune und wenn ich den Kindern nachher keine schönen Träume bringe, darf ich das nächste Mal nicht mitfliegen und du bist schuld!“ Die gleichaltrige Wiesentau versuchte, ein wenig von Firlefanz abzurücken, aber bei diesen vielen Elfen, die hier durch die Luft schwirrten, war es ihr nicht möglich, auch nur einen Meter Abstand zu gewinnen.

„Ach, was ihr nur alle daran findet“, maulte Firlefanz erneut, doch noch ehe sie etwas weiteres sagen konnte, wurde sie vom Oberelf in eine andere Richtung geschoben.

„Mach mir keine Schande“, rief er ihr eindringlich nach und Firlefanz machte sich seufzend daran, durch das geöffnete Fenster des ersten Hauses, welches ihr genannt worden war, zu fliegen.

Unlustig ließ sich die kleine Elfe neben dem schlafenden Kind auf dem Kopfkissen nieder und wollte ohne viel Aufhebens mit ihrem Sternenstab die bleiche Stirn des Mädchens berühren, als ihr auffiel, dass die Kleine im Schlaf weinte.

„Nanu“, dachte sie verblüfft, „Was ist denn hier los?“ Und anstatt dem Kind den Sternenregen zu schicken, strich sie ihm vorsichtig über die Wange.

„He du“, rief sie leise. „Was hast du denn? Wach auf!“, doch die Kleine drehte sich nur auf die Seite, um leise weiterzuweinen.

Firlefanz fühlte sich auf einmal tief in ihrem Herzen getroffen, denn sie spürte plötzlich, wie wichtig es für dieses Kind war, in seinem Kummer, was immer ihn hervorgerufen hatte, durch einen beruhigenden, wunderschönen Traum getröstet zu werden und so legte die kleine Elfe all ihre Liebe, zu der sie fähig war, in die Kraft der glitzernden Sternchen, die sie auf das Mädchen hernieder rieseln ließ.

„Möge ein wunderbarer Traum deinen Kummer beenden“, flüsterte sie währenddessen und hatte dann selbst mit den Tränen zu kämpfen, als sie bemerkte, dass jetzt ein leichtes Lächeln das Gesicht des Kindes überzog.

„Ich komm wieder, ganz bestimmt!“, versprach die kleine Elfe und huschte leise aus dem Fenster, um zu dem nächsten Kind zu fliegen, welches  sicherlich schon auf seinen Traum wartete.

Mit einem letzten Blick auf das schlafende Mädchen verstand die kleine Elfe plötzlich den Sinn ihrer Aufgabe, vor der sie sich niemals wieder drücken würde, denn es gab wirklich nichts Schöneres, als das Lächeln eines Kindes zu sehen, welches einen Traum ihrer Liebe empfangen hatte.

Vor Freude beschrieb Firlefanz mit ihrem Stab einen weiten Bogen, sodass viele, besonders hell strahlende Sternchen wie goldener Glimmer am Himmel leuchteten, ehe die kleine Elfe in der Dunkelheit verschwand.

 

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