Mauern bauen, um die Seele zu schützen

Gerade habe ich die Aussage eines Menschen gelesen: „Unsichtbare Mauern zu bauen, sind wichtig und müssen z.T. auch bestehen bleiben.“

Diese Worte bringen mich zum Nachdenken.

Ist es wirklich wichtig und richtig, sich von seinen Mitmenschen abzugrenzen, um Verletzungen der Seele von sich fernzuhalten? Und erzielt man damit tatsächlich den Effekt, den man sich wünscht?

Ist es nicht so, dass man sich selbst völlig „einmauert“, sich selbst begrenzt in seiner steten Angst, dass man verletzt werden könnte? Dass man gemobbt werden könnte? Dass man etwas falsch macht, was andere dazu bewegen könnte, einem die Liebe zu entziehen oder einen in der Wertigkeit herabzusetzen?

Was passiert, wenn ich Mauern um meine Seele und um mein Herz herum erbaue?

Ich ziehe mich zurück, mein Selbstbewusstsein wird weniger, meine Einsamkeit wächst und meine Angst vergrößert sich. Mein Gedankenkarussell beginnt damit, sich immer mehr um meine Verletzungen zu drehen, weiten sich dahingehend aus, dass ich die Gründe der anderen, die mich – auf welche Art und Weise auch immer – verletzen, letztendlich ausschließlich bei mir selbst suche und schlussendlich sitze ich, in mir gefangen, mit deprimierenden Gedanken da, mit dem inneren Wunsch danach, aus der Gefangenschaft meiner selbst erbauten Mauern wieder auszubrechen. Im Grunde genommen habe ich jedoch viel zu viel Angst davor, wirklich den ersten Stein einzudrücken, um wieder einen ersten Schritt in Richtung meiner eigenen Freiheit zu tun, denn ich könnte ja – womöglich – erneut verletzt werden.

Wo ist der Unterschied zwischen „Aus-/Abgrenzung anderer“ und der „Begrenzung seiner selbst“? Das eine geht unmittelbar mit dem anderen einher. Man kann VOR einer Mauer stehen oder DAHINTER. Wenn man dahinter steht, begrenzt man sich selbst, in welcher Form auch immer.

Wenn man sein Leben selbst bestimmt, ist es fantastisch. Wenn man selbst bestimmt, wer und was in sein Leben eintreten darf und wer und was nicht, dann ist es wunderbar! Aber dann sollte man doch bitte nicht den Ausdruck „mauern“ verwenden.

Mauern stellen unüberwindbare Gebilde dar, die, wie schon gesagt, nicht nur „andere“ Menschen von einem selbst abgrenzen, sondern eben auch „sich selbst“ von den anderen und zwar rundum. Was jedoch noch viel wichtiger ist: Man grenzt sich selbst auch von sich selbst ab, denn das Leben außerhalb der Mauern gehört genauso zu einem dazu, wie das dahinter! Die Erfahrungen, die uns das Leben „draußen“ schenken, mögen zwar manches Mal schmerzhaft sein, aber sie gehören einfach dazu und sollen den Zweck erfüllen, dass wir daraus lernen, nicht, dass wir uns nach jeder Erfahrung noch weiter zurückziehen und eine Lebensangst entwickeln.

Schlechte Erfahrungen können wir nicht einfach in eine Tüte stecken und vergraben, gerade so, als wenn sie niemals geschehen wären. Egal, ob wir sie vergraben oder den Blick darauf durch eine Mauer verbarrikadieren … Sie sind immer noch da und wollen in ihrem Sinn erkannt werden, damit sie dann letztendlich nicht neuerlich in unser Leben treten müssen.

Erfahrungen dienen zur Selbsterkenntnis, die jedoch lässt sich nicht erreichen, wenn wir die Augen verschließen.

Selbsterkenntnis bedeutet jedoch auch nicht, bestimmte Gründe nur bei den anderen zu suchen. Selbsterkenntnis bedeutet viel eher, zu erkennen, wer ich bin, warum ich derjenige bin, der ich bin, welche Erfahrungen mich zu demjenigen gemacht haben und zu erkennen, dass ich selbst der Schöpfer meines Lebens bin, indem ich auch wirklich mich selbst lebe, zu mir selbst stehe, mich nicht von anderen Menschen, von deren Äußerungen oder Taten beeinflussen lasse und indem ich mich unabhängig davon mache, was andere über mich denken, denn das Wichtigste ist, was ICH von mir denke!

Nun ja und wie heißt es so schön: Du bist, was du denkst, ergo bist du auch, was du von dir denkst! Das ist die Kraft der Gedanken, die so unglaublich viel bewirken können – in jeglicher Hinsicht!

Denkst du positiv, wirst du positiv sein. Denkst du negativ, wirst du negativ in deiner Ausrichtung, deinem Denken, deinem Verhalten und auch deiner Sichtweise anderen gegenüber sein.

Somit beeinflusst du nicht nur dich selbst, sondern auch dein Gegenüber, indem du deine innere Ausrichtung ausstrahlst, die nach dem Gesetz der Resonanz dir dann ein entsprechendes Gegenstück vor Augen zieht.

Man sieht also: Was einem an Ängsten, Verletzungen etc. begegnet, ist somit nicht zwingend „Böswill“ anderer Menschen, sondern finden ihren Ursprung in der eigenen Ausrichtung, die man ausstrahlt und mit der man nach dem Spiegelprinzip auf Resonanz trifft.

Selbstbestimmung heißt somit nicht zu „mauern“, sondern im Einklang mit sich selbst das eigene Leben zu betrachten und ggf. an sich selbst etwas zu ändern, damit der Fluss des Lebens nicht durch einen selbst behindert wird. Selbstbestimmung funktioniert nicht, wenn man „andere“ sozusagen durch eine Mauer „ausblendet“, aber sie funktioniert, wenn man den anderen gegenübersteht, ihnen ein Lächeln schenkt und sein Selbstbewusstsein lebt, indem man zum Beispiel sagt: „Ich akzeptiere deine Meinung über mich, aber ich nehme sie nicht an.“ Dieses „nicht annehmen“ bedeutet dennoch, sich die Meinung anzuschauen und für sich selbst zu erkennen, inwieweit man anscheinend doch etwas ausstrahlt, was letztendlich nicht in Harmonie ist, sowie den Gedanken nicht auszuschließen, evtl. auch etwas an sich selbst zu ändern und damit auch seine eigene Ausstrahlung zu harmonisieren.

Aber um  noch einmal zurück auf die „Mauer“ zu kommen.

Als Erstes stellt sich doch die Frage, warum baue ich überhaupt eine Mauer?

Bin ich wirklich der Meinung, dass ich mich vor „anderen“ schützen muss?

Sind die anderen mir gegenüber tatsächlich so negativ eingestellt, dass sie mir schaden könnten?

Habe ich schon einmal darüber nachgedacht, dass man mir nur schaden kann, wenn ich selbst es zulasse?

Und wenn das so ist, warum lasse ich es zu?

Und wenn ich dies zulasse, glaube ich dann allen Ernstes, dass ich mit dem Erstellen einer Mauer etwas Grundlegendes ändere?

Kann ich damit wirklich die anderen aus meinem Leben ausgrenzen?

Kann ich damit tatsächlich wieder zur Ruhe finden?

Kann ich damit bestehende Verletzungen heilen?

Die Antwort heißt ganz klar: NEIN!

Nichts davon geschieht wirklich. Jemand, der sich hinter seine Mauern stellt, bewirkt damit absolut keine Änderung in seinem Leben! Er steht dahinter, mit dem Blick auf sein Bollwerk gerichtet, was ihm einen Weitblick auf seine Lebenssituationen versperrt. Dies mag für den Augenblick ganz beruhigend wirken, denn man wiegt sich in Sicherheit vor dem „bösen Leben draußen vor der Tür“. Aber es ist ein Trugschluss zu glauben, dass man sein Leben im Griff hat, wenn man sich von allem, was einem unangenehm, angstvoll, ungerecht und verletzend erscheint, durch eine innere Mauer distanziert. Dies ist gleichzusetzen mit dem Vogel-Strauß-Prinzip: Kopf in den Sand, damit mich keiner sieht …

 

Und dann gibt es auch noch diejenigen, die ihre Mauer damit begründen, dass sie sehen möchten, wem sie wichtig genug sind, darüberzuklettern …

Da stellen mir sich wiederum zwei Fragen:

  1. Warum darauf warten, dass jemand zu dir klettert?
  2. Warum einen Beweis fordern, wem du wichtig bist?

Erwartungen führen manchmal unweigerlich zu Enttäuschungen und auch für Menschen, denen du wichtig bist, wird eine Mauer, die du um dich herum baust, manchmal unüberwindbar, weil deine Erwartungen u. U. zu hoch an diesen Menschen sind.

 

So fordere niemals Beweise für eine Freundschaft oder Hilfe. Entweder sie IST oder sie IST NICHT! Und wenn sie NICHT IST, dann war sie auch noch niemals im wahren Sinne vorhanden.

 

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