Zweiundzwanzig Jahre

… und dann kommt irgendwann einmal der Tag, an dem du feststellst, dass du doch schleichend älter geworden bist ohne es zu bemerken bzw. ohne dies tatsächlich zu realisieren, denn wie so vieles fliegt doch hauptsächlich auch die Zeit an uns vorüber und schwupps … biste mal eben zweiundzwanzig Jahre älter.

ZWEIUNDZWANZIG JAHRE

Man stelle sich das einmal vor! Gerade erst hat man sein jüngstes Töchterchen entbunden und frech in den Spiegel gegrinst mit den Worten: „Wenn sie mal achtzehn ist, dann biste fuffzich, aber was solls … Bis dahin is ja noch lange Zeit!“

Na prima!

So fühlt sich also die „lange Zeit“ an … Wie ein Katzensprung … Einmal mit dem Auto an die Nordsee und zurück … Ein kurzer Ausflug in die Zukunft … und schon hat man die Fünfziger-Grenze überschritten. Nicht dass ich damit ein Problem hätte, nein! Mit Sicherheit nicht! Ich habe stets gerne in meinem aktuellen Alter gelebt, auch heute mag ich die Jahre, die ich auf dem Buckel habe, denn jedes Einzelne davon hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Ich lebe, lache und liebe heute genauso gern wie zu früheren Zeiten, mit jeglichem Älterwerden dies alles wohl auch wesentlich intensiver und tiefgründiger als in jungen Jahren und eigentlich grinse ich noch immer in den Spiegel, allerdings jedoch eher, um meine Falten auszulachen, die meinem eigentlichen ICH nichts anhaben können, als noch einmal auf die einstige fatale Aussage reinzufallen, die da lautete: „Bis fuffzich is ja noch eine lange Zeit!“ Na ja … und Lachen soll ja auch das Gesicht straffen, aber das ist ja wohl eher ein kleiner Nebeneffekt, dessen Wirkungsgrad mir im Grunde genommen piep-schnurz ist.

Doch was sabble ich hier eigentlich vor mich hin, obgleich ich doch ganz was anderes schreiben wollte, aber so ist das nun mal … Kaum fasst man einen Gedanken, wird man sogleich von Erinnerungen überrollt und nimmt sein gegenwärtiges Leben unter die Lupe. Doch warum gerade jetzt?

Weil es Zeit ist!

Sollte man sich sein Leben nicht IMMER und zu jeglichem Zeitpunkt betrachten?

Na klar! Bloß ist man meistens viel zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, als mit sich selbst!

Nichts desto trotz, es hat sich vieles bei meinem Herzblatt und mir verändert, seit wir im vergangenen Jahr drei Monate auf dem Jakobsweg unterwegs waren. Unsere Ansicht zum Leben, zu unserer Lebensweise, zu uns selbst, zu anderen, zur Natur … Es ist unglaublich, was eine – im Verhältnis zu den vergangenen „fuffzich“ Jahren – so kurze Zeit doch bei Menschen bewirken kann.

Wie auch immer, wir haben uns auf unserem Weg unrettbar in das spanische Land verliebt, diese unvergleichliche schöne Natur mit dem wilden Atlantik, der im Sturm unsere Herzen erobert hat, mit den unglaublich liebenswerten, freundlichen und hilfsbereiten Menschen, die uns begegnet sind und mit den wundervollen Tieren, die hier jedoch viel zu häufig in erbarmungswürdigen Zuständen leben oder soll ich besser sagen, dahinvegetieren … Tiere, die sich in unsere Herzen geschlichen und uns auch nicht mehr losgelassen haben.

So verging ein gutes Jahr, in dem wir immer mal wieder mit dem Gedanken spielten, eines jener wunderbaren Geschöpfe zu erretten, doch erst vor gut vier Wochen bekam unser Plan Gestalt.

Mit dem Gedanken an einen Hund über neun Monate schwanger gegangen, erwarten wir nun spanischen Zwillingsnachwuchs in Form zweier Malteser-Mixe, die Anfang Januar in unserem Haus und unseren Herzen Einzug halten werden, wobei sie in Letzteren bereits im selben Moment einen Platz gefunden haben, als wir die Fotos von ihnen sahen. Zauberhafte kleine Geschöpfe … hach … und das Gesicht meiner Jüngsten war ebenso zauberhaft, als ich ihr verkündete, dass wir Familienzuwachs bekommen.

„Ha ha ha … der ist gut … geht ja gar nicht … also Mama … du bist über Fünfzig!“ und grinst mich augenzwinkernd mit den gleichen Gesichtszügen an, die ich damals in meinem Spiegel erkennen konnte. Mann! Fünfzig muss echt irgendwie eine magische Zahl sein! Und warum setzt jeder das Wort „Familienzuwachs“ sofort mit „Kindern“ gleich? Ein wahrliches Phänomen! Gerade so, als wenn sich die Welt andersherum drehen würde, wenn man altersmäßig ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hat. Aber wartet nur, ihr lieben Kinderlein, auch ihr werdet eines Tages in euer Ebenbild blicken und feststellen, dass ihr euch in eurem Aussehen vielleicht ein klein wenig verändert habt, jedoch in eurem Innern immer noch derjenige seid, der euch schon ein Leben lang begleitet, mal mit mehr oder weniger Sorgen- oder Lachfalten, aber stets immer ihr selbst! Na ja … aber bis ihr mal über fuffzich seid, ist ja auch noch eine Weile hin …

Apropos schwanger …

Wie schon anfangs erwähnt, kommt irgendwann einmal der Tag, an dem du feststellst, dass du doch schleichend älter geworden bist ohne es zu bemerken bzw. ohne dies tatsächlich zu realisieren, denn wie so vieles fliegt doch hauptsächlich auch die Zeit an uns vorüber und schwupps … biste mal eben zweiundzwanzig Jahre älter, sitzt nichts ahnend vor dem Computer, als sich plötzlich ein Fensterchen öffnet, welches mir ein Bild zeigt, auf dem – zumindest sieht es auf den ersten Blick so aus – ein Fieberthermometer abgebildet ist, doch im selben Moment nehme ich den Text wahr, denn mir unsere Jüngste dazugeschrieben hat: „Mami, ich glaube ich bin schwanger.“

Oha … alles klar. Das Fieberthermometer ist eigentlich ein Schwangerschaftstest und wenn man genau hinsieht, kann man tatsächlich den sanften roten Strich erkennen, der die positive Schwangerschaft bestätigt. Erst mal ein Teststreifen, danach folgt ein weiteres Bild mit einem digitalen Stick, der den Strich nur erahnen lässt. Aber Petra ist davon überzeugt, dass sie sich nicht täuscht. Weitere Bilder folgen und ich könnte um ein großes Eis mit Sahne wetten, dass Petra am nächsten Tag, wenn nicht sogar heute noch, sicherlich mindestens einen weiteren Test macht, denn so ist sie einfach. Überquirlt, fröhlich und sie muss felsenfest sichergehen, dass sie auch wirklich schwanger ist und wenn sie die ganze Charge Teststreifen der umliegenden fünf Apotheken aufkaufen muss. Wünscht sie sich doch schon soooo lange ein Kind … und hat sie in den vergangenen Jahren nicht schon unzählige Tests verbraten, die trotz Petras hypnotischen Schwangerschaftsblick nicht den erwünschten Strich produzierten und das Mädel schon fast an ihrer Gesundheit zweifeln ließen.

Vorsichtig weise ich sie darauf hin, dass der Strich schon noch recht schwach ist und sie nicht enttäuscht sein soll, wenn sie vielleicht doch nicht …

Etwa eine Stunde später, ich bin gerade beim Einkaufen, ruft sie mich an, derweil ich mich dabei ertappe, gerade ein supersüßes, flauschiges Kleinkinderjäckchen in Augenschein zu nehmen, ehe ich mich kurz an der Nase fasse, um mir ins Bewusstsein zu rufen, dass es im Augenblick ja noch gar nicht hundertprozentig ist, dass …

„Ich mach heute Abend nochmal einen Test! (Ha! Wette gewonnen!) Aber eigentlich bin ich mir sicher!“, flötet Petra ins Telefon und lacht glücklich. „Ich melde mich morgen nochmal!“

Wir verabschieden uns, ich lasse das Kuscheljäckchen Jäckchen sein und kaufe dafür zwei mindestens ebenso kuschelige Hundekissen, denn dass Mari und Marco in Kürze zu uns kommen, ist ja sicher … dafür brauche ich keine Teststreifen …

Am nächsten Tag ruft mich meine Kleine wieder an. „Voll blöd, hab gestern Abend noch einen Test gemacht und auf dem war nix zu sehen!“ Ich hole tief Luft, will was sagen, aber da lacht sie schon wieder. „Egal! Ich weiß, dass ich schwanger bin! Hab mir einen Termin beim Arzt gemacht, allerdings erst in vierzehn Tagen und dann werde ich mit einem Mutterpass aus der Praxis stiefeln! Punkt, das ist jetzt einfach so!“

Meine süße Kleine, ich wünsche dir aus dem tiefsten Innern meiner Seele, dass du nicht enttäuscht wirst, denn ich weiß, wie unglaublich wichtig dies für dich ist und wie sehr du dir ein Kind wünschst!

Kaum einen halben Tag später steht sie vor mir und strahlt mich an, als wenn sie bereits kurz vor der Entbindung stehen würde. Die nächsten zweieinhalb Stunden geht es nur um zwei Dinge: Teststreifen und rote Striche … ah ja … und habe ich bereits die Frühtests erwähnt … und die digitalen Sticks … und die Striche … und dass Petra noch diverse Tests zu Hause liegen hat, die sie aber im Grunde genommen gar nicht braucht, weil sie ja eh weiß, dass sie in anderen Umständen ist …

Nach einem schwangerintensiven Gespräch, in dem sie mir ihren Wunsch mitteilt, dass ich sie doch zur Entbindung begleiten soll, was mich sehr rührt, beschließen wir, gemeinsam noch zum Einkaufen zu fahren.

„Muss mal eben noch in die Drogerie, Folsäure und Magnesium kaufen“, meint sie und kommt gleich darauf mit eben diesen Dingen und … einer Doppelpackung Teststreifen an die Kasse.

„Aha“, sinniere ich. „Willst du heute schon wieder testen? Möchtest du nicht einfach abwarten, bis du deinen Arzttermin hattest?“

Petra grinst.

„Nee, heute nicht, aber vielleicht in ein paar Tagen, so zum Wochenende hin!“

Na, da bin ich aber gespannt … Großes Eis mit Sahne???

Eine knappe Stunde später sind wir wieder zu Hause und Petra fetzt mit einem Pappbecher und einem Teststreifen ins Bad … GEWONNEN! Ich kenn doch meine Kleine!

Gleich darauf sitzt sie wieder am Tisch und hypnotisiert den Streifen.

„Da ist was! Da kommt der Streifen! Zwar nur ziemlich blass, das macht aber nichts, Streifen ist Streifen und außerdem bin ich ja erst ein paar Tage über der Zeit! Da kann der Streifen noch nicht so intensiv sein! Mama guck mal! Siehst du ihn? Siehst du ihn?“

Ich bemühe mich nach allen Kräften, kann aber leider nichts erkennen!

„Das gibt’s doch nicht! Soll ich dir deine Brille holen? Wart mal … Oma … Omaaaa, du hast eine Brille auf! Kannst du den Streifen erkennen? Wart mal, ich mach mit dem Filzstift unten einen Punkt hin, damit du weißt, wo du gucken musst!“

Oma braucht eine Weile, dann meint sie zögerlich: „Also mit viel Fantasie könnte ich mir vorstellen, dass da was ist!“

Petra strahlt

„Mama, hast du gehört? Oma sieht den Streifen auch! Ich bin schwanger, ich bin schwanger!“, und sie tanzt durch das Zimmer.

Mein Herzblatt betritt den Raum.

„Christian, Christian, schau du mal. Siehst du den Streifen? Oma hat ihn gesehen. Mama aber nicht! Aber da ist was. Guck mal hin!“

Er schaut sich den Streifen an, holt tief Luft und …

„Warte, warte, warte, ich hol dir deine Brille!“ Und schon ist Petra in Richtung Büro unterwegs, derweil ich Spaghetti-Wasser aufsetze.

Christian und ich lächeln uns an. Wir können gut verstehen, was in unserer Kleinen da gerade vorgeht. Ein spannender Lebensabschnitt, der da auf sie zukommt.

Wie ein Derwisch kommt sie zurück, drückt meinem geliebten Mann die Brille fast auf die Nase und fiebert auf seine Antwort hin.

„Nun ja“, meint er, „da ist tatsächlich ganz, ganz leicht etwas zu sehen!“

Petra reißt mit strahlenden Augen ihren Arm hoch, fast wie Sascha Grammels Freiherr vom Furchensumpf mit seinem Tschakkaaaaa.

„Yeah! Mama, wenn Christian das sieht, dann musst du das doch auch erkennen! Guck doch nochmal. Komm! Gleich! Schau!“

„Lass mich noch schnell die Spaghetti in den Topf …“

„Aber der Strich! Mama! Der Strich!!!!“

Ich muss sowas von lachen, schicke die Nudeln dennoch erst noch zum Schwimmen, dann widme ich mich erneut dem Teststreifen und siehe da … so ganz leicht ist er nun tatsächlich auch für mich sichtbar.

„Und jetzt ist auch erst eine Minute rum!“, freut sich Petra, obwohl mindestens schon zehn Minuten ins Land gegangen sind, seit sie den Streifen hypnotisiert.

In der Folge tanzt sie durch den Raum und singt von Strichen und Baby und Mutterpass und ist in diesem Augenblick eine völlig normale, durchgeknallte junge Frau, die sich unglaublich auf ihr Kind freut.

Ich fühle Wärme in meinem Herzen, während ich sie so betrachte, erinnere mich selbst an meine damaligen Glücksgefühle, als ich die Bestätigung meiner Schwangerschaften erhielt, und auch wenn ich nicht wie verrückt durch die Wohnung gewirbelt bin, empfand ich zu jenen Zeitpunkten diese besonderen Momente für mich fast als etwas Heiliges, etwas Göttliches … einfach bei jedem meiner Kinder ein Geschenk des Himmels.

Und so wünsche ich dir, liebe Petra, unendliches Glück mit deinem Kind zu jeglichem Zeitpunkt. Genieße deine Schwangerschaft, deine Gefühle und jeden einzelnen Moment, der dich ab jetzt mit deinem Kind verbindet, denn es werden unvergessliche Augenblicke sein, die ein Leben lang in deinem Herzen verankert sein werden … und ich bin mir sicher, dass du eine ganz wundervolle Mutter sein wirst!

Ach ja … und Petras Message vom nächsten Tag beinhaltet nur ein einziges Wort:

Striiiiiiich !!!

und ein megafettes Smiley

Na, da wird sich unser Enkelkind bestimmt mal eines Tages freuen, wenn die Autoren-Oma hier und da eine kleine Schwangerschaftsgeschichte aus den Jahren 2016 / 2017 zum Besten gibt, frei nach dem Motto:

„… Es war einmal an einem kühlen, ich möchte nicht gerade sagen an einem saukalten Dezembertag 2016, als bei deiner Oma am Computer ein kleines Fensterchen aufklappte …“ und ich höre schon förmlich die mich unterbrechende Frage des Enkelkindes: „Wiiieee Oma, du kannst mit einem Computer umgehen???“

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*